Was weißt du wirklich über dich?

Was weißt du wirklich über dich?
Du weißt, was du bisher konntest. Aber weißt du auch, was du noch kannst?

Eigentlich müsstest du der Mensch sein, den du am besten kennst. Du bist schließlich seit deiner Geburt bei jedem einzelnen Augenblick deines Lebens dabei. Du kennst deine Gedanken, deine Erinnerungen, deine Wünsche, deine Ängste und wahrscheinlich auch einige Seiten von dir, die kaum ein anderer Mensch jemals zu sehen bekommt.

Und trotzdem passiert dir ständig etwas Merkwürdiges: Du verstehst dich selbst nicht.

Du weißt, dass du keinen Hunger hast, und plötzlich willst du unbedingt Schokolade. Du möchtest in einer bestimmten Situation ruhig bleiben und merkst trotzdem, wie dein Herz schneller schlägt. Ein Geruch kann innerhalb einer Sekunde eine Erinnerung zurückbringen, an die du seit zwanzig Jahren nicht gedacht hast. Ein Mensch ist dir auf Anhieb sympathisch, ein anderer irgendwie nicht, obwohl du kaum erklären kannst, warum. Manchmal wachst du morgens gut gelaunt auf, manchmal fühlt sich schon der erste Kaffee nach einem schlechten Tag an.

Natürlich finden wir für vieles davon Erklärungen. Wir sagen dann: „So bin ich eben“, „Das ist mein Bauchgefühl“, „Ich hatte einfach Lust darauf“ oder „Irgendetwas an dem Menschen gefällt mir nicht“.

Aber damit haben wir meistens nur beschrieben, was wir erleben. Noch lange nicht, warum wir es erleben.

Das finde ich faszinierend.

Denn während wir glauben, uns ziemlich gut zu kennen, arbeitet in uns ein ungeheuer komplexes Zusammenspiel aus Gehirn, Körper, Erinnerungen, Wahrnehmung, Erwartungen, Hormonen, Nervensystem, gelernten Verbindungen und Erfahrungen. Vieles davon läuft ab, bevor wir überhaupt bewusst darüber nachdenken.

Nimm nur ein Stück Schokolade. Vielleicht war Süßes in deiner Kindheit etwas Besonderes. Eine Belohnung, ein Trost, ein Geschenk oder etwas, das es gab, wenn du brav gewesen bist. Jahrzehnte später weißt du längst, dass Schokolade einfach ein Lebensmittel ist. Trotzdem kann das alte Gefühl noch da sein. Nach einem anstrengenden Tag möchtest du dir „etwas gönnen“, und plötzlich steht die Schokolade vor dir.

Der Erwachsene kennt die Zutatenliste. Aber irgendwo in ihm lebt möglicherweise noch die alte Verbindung: Süßes bedeutet Belohnung.

Ähnlich kann es mit Angst sein. Dein Verstand weiß, dass ein Vortrag vor zwanzig Menschen keine Lebensgefahr darstellt. Dein Körper kann trotzdem reagieren, als müsste er dich gerade auf etwas sehr Wichtiges vorbereiten. Das Herz schlägt schneller, die Hände werden feucht und im Kopf taucht nur noch der Wunsch auf, möglichst schnell aus dieser Situation herauszukommen.

Was davon bist nun eigentlich „du“? Der vernünftige Gedanke? Das Gefühl? Die körperliche Reaktion? Die alte Erfahrung, die vielleicht daran beteiligt ist?

Wahrscheinlich ist genau diese Frage falsch gestellt. Denn all das gehört zu dir und beeinflusst sich gegenseitig.

Vielleicht besteht Selbstkenntnis deshalb nicht darin, irgendwann eine endgültige Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ zu finden. Vielleicht wird es viel interessanter, wenn wir anfangen zu beobachten, wie wir eigentlich funktionieren.

Warum fühle ich das gerade? Warum reagiert mein Körper so? Woher kommt dieser Gedanke? Warum möchte ich etwas unbedingt tun und mache trotzdem das Gegenteil? Welche meiner Reaktionen habe ich irgendwann gelernt – und welche davon könnte ich vielleicht auch wieder verändern?

Je genauer man hinsieht, desto weniger selbstverständlich wird dieser Mensch, mit dem man schon sein ganzes Leben verbringt.

Und vielleicht ist genau das die spannendste Entdeckung:

Du musst kein anderer Mensch werden. Es gibt an dem Menschen, der du bereits bist, noch verdammt viel zu entdecken.